Fast auf`s Traunspitzl - über die Rotscharte zur Schmidt-Zabierow-Hütte
Ungefähr einhundert Längenmeter wären es noch gewesen - das Gipfelkreuz lag in greifbarer Nähe vor uns. Trotzdem entschieden wir uns angesichts der Wolkenentwicklung - es waren nach Zusammenbruch des Föhns Niederschlag mit Sturmböen vorhergesagt - gepaart mit dem wirklich nicht trivialen Abstieg für einen Rückzug so kurz vor unserem Ziel.
Tja, Spolieralarm: Das Wetter hielt noch eine ganze Weile. Aber auch wenn wir uns schon irgendwie ärgerten: Es war die richtige Entscheidung. Denn der Abstieg von der Rotscharte ist richtig mies - sogar bei gutem Wetter. Uns vorstellen, wie wir dort über nassen Fels und im Sturm hinuntergekommen wären, wollten wir lieber nicht.
Bereits letztes Jahr wollten Katharina und ich ein verlängertes Wochenende in den Loferer Steinbergen verbringen. Aufgrund eines frühen Wintereinbruchs ließen wir das Vorhaben damals sein und stiegen nur auf ein Voralpen-Gipfelchen. Dieses Jahr aber standen die Vorzeichen gut: Freitags erst Föhn, dann am Nachmittag/Abend/in der Nacht (je nach Wetterbericht) Schlechtwettereinbruch, ab Samstag wieder gutes Wetter. Wir packten daher nach reiflicher Überlegung sogar die Klettersachen ein - mit ein wenig Glück wäre am Samstag sogar die Überschreitung der Reifhörner drin. Zunächst aber stand uns der anspruchsvolle Anstieg zur Rotscharte, über die wir zur Hütte gehen wollten, bevor. Wir starteten mit einigermaßen schweren Rucksäcken gegen 9:30 Uhr in Weißleiten bei St. Ulrich am Pillersee. Bis zum (nicht beschilderten) Abzweig am Ende des Griesltals geht es gemächlich dahin, ab dem Abzweig wird es dann steil. Wir folgten dem schmalen, aber durchwegs gut zu findenden Pfad bis zu einem Jägerstand, wo sich eine gemütliche Rast anbot.
Den Hirschbadsattel erreichten wir um zwanzig vor eins. Hier bekamen wir die volle Kraft des Föhns zu spüren: Mehrmals konnte ich mich nur mithilfe meiner Stöcke gegen die Böen auf den Beinen halten. Angesichts des uns nun bevorstehenden anspruchsvollen Teils der Tour (und der für später angesagten Schlechtwetter-Sturmböen) kam zumindest bei mir gehöriger Respekt auf. Es macht doch einen großen Unterschied, ob man eine Tour - insbesondere, wenn sie durch unwegsames, wildes und einsames Gelände führt - bei gutem Wetter oder unter den Vorzeichen einer drohenden Wetterverschlechterung geht.
Wir versuchten daher, zügig voran zu kommen, was in der Querung und auch im unteren Teil des Fellerer Sands noch gut ging.
Nach Verlassen der letzten Graspolster wurde der Aufstieg aber zunehmend mühsam, da nur noch loser Untergrund vorhanden war. Außerdem bewegt man sich in sehr steilem Gelände, in dem man sich die Wahl der Aufstieglinie gut überlegen sollte. Ein Queren ist meist recht heikel und kostet Zeit und Kraft.
Gegen Ende nutzen wir den orografisch linken Teil des Kars, wo der Untergrund aus festem Fels besteht. Trivial ist der Aufstieg aber auch dort nicht, da viel loses Geröll herumliegt.
Erleichtert erreichten wir nach rund eineinhalb Stunden (für 450 Höhenmeter) die Rotscharte auf 2239m. Es war bereits sehr bewölkt, trotzdem wollten wir uns den Weg zum Traunspitzl zumindest anschauen. Wir ließen die Rucksäcke an der Scharte liegen und stiegen hinauf zum Beginn des Nordgrats des lediglich 60 Meter höher liegenden Gipfels.
| Dahinten wäre er gewesen, der durchaus exklusive Gipfel |
Hier trafen wir schließlich die eingangs beschriebene Entscheidung - Safety first! - und kehrten zur Rotscharte zurück.
Mit gehörigem Respekt gingen wir nun den Abstieg Richtung Norden in die Kleine Wehrgrube an. Steil, brüchig und geröllig - vor allem auf den ersten Metern war äußerst behutsames Vortasten notwendig, um überhaupt Halt für Füße und Hände zu finden.
| Dunkle Wolken über den Reifhörnern |
| Der erste, wirklich eklige Teil im Rückblick |
Glücklicherweise besserte sich das Gelände nach wenigen Höhenmetern - und wir kamen zwar weiterhin mühsam, aber nicht mehr so heikel vorwärts. Wir stießen nun auch auf blasse rote Markierungen, denen wir so gut es ging folgten. Da das Wetter weiter hielt, legten wir gegen viertel vor vier noch eine Brotzeit- und Erholungspause ein, die wir sehr genossen.
Gegen 16 Uhr nebelte es schließlich ein, was der einsamen Umgebung eine düstere Note gab. Eigentlich waren wir darauf gefasst, jeden Moment die Regenjacken herausholen zu müssen, doch es blieb bis zum Erreichen der Hütte um kurz vor fünf trocken und windstill.
Und guess what: So blieb es auch noch bis tief in die Nacht. Der Gipfel wäre also ohne Probleme noch drin gewesen. Aber gut, hinterher ist man immer schlauer - und Berge laufen ja nicht weg, zumindest die meisten nicht. Wobei wir uns schnell einig waren: Ob wir nochmal zum Traunspitzl gehen werden, ist fraglich. Denn selbst wenn man über eine der Klettertouren aufsteigt, muss man trotzdem über die Rotscharte absteigen - und auch der Fellerer Sand ist bergab sicherlich kein Spaß.
Einen Teil des Abends verbrachten wir trotz allem gut gelaunt mit dem Spinnen von (teils wirklich abstrusen) Ideen, wie man das Traunspitzl ohne die Rotscharte angehen könnte, was sehr amüsant war. Zur guten Laune trug zudem das tolle Hüttenteam und die phänomenale Verköstigung bei (u.a. ein geniales Dhal und ein leckerer Zirbenschnaps). Müde fielen wir schließlich kurz vor Hüttenruhe in unsere Lagerbetten.
Epilog:
Ich weiß nicht wann, aber irgendwann in der Nacht kam der Sturm dann doch. Und er kam mit solcher Gewalt und rüttelte so heftig am Hüttendach (unter dem wir unmittelbar lagen), dass ich zwischenzeitlich ernsthaft überlegte, zu meinem eigenen Schutz die zwei Stockwerke hinunter in die Gaststube zu gehen. An Schlaf war sowieso nicht zu denken: Die Böen waren die meiste Zeit so laut, dass vermutlich auch Ohrstöpsel nicht geholfen hätten. Und bei den heftigsten vibrierte der gesamte Dachstuhl. Obwohl wir in unseren eigentlich gemütlichen Betten lagen, fühlte ich mich extrem ausgesetzt. So was bleibt einem im Gedächtnis!
- Tourdatum: Freitag, 28.08.2026
- Zeitbedarf (ohne Pausen): Parkplatz in Weißleiten - Hirschbadsattel knapp 3 Stunden, Hirschbadsattel - Rotschartl gut 1,5 Stunden, Rotschartl - Schmidt-Zabierow-Hütte gut 1,5 Stunden, gesamt rund 6 Stunden
- Höhenmeter: gut 1400m bergauf und 375m bergab


Kommentare
Kommentar veröffentlichen