Sonntag, 18. Oktober 2015

Viererspitze (2054m): Spontan und über Umwege (Vordere Kreuzklamm, II)

Nachdem die Tour über den winterlichen Mittenwalder Höhenweg doch recht anstrengend und die Wettervorhersage für unseren dritten Tag im Karwendel ebenfalls eher bescheiden war, wollten wir es mit einem Gang zum eine Stunde entfernten Lindlähnekopf und dem anschließenden Abstieg nach Mittenwald eigentlich ganz gemütlich angehen. Doch irgendwie packte uns beim Frühstück auf der Mittenwalder Hütte die Lust auf einen "richtigen" Gipfel - denn die Tour sollte ja im Grunde auch ein kleiner Ersatz für die ausgefallene Hochtourenwoche sein. Nach Beratschlagung mit der Wirtin war daher schnell klar: Die markante Viererspitze durch die weglose und nicht markierte Vordere Kreuzklamm sollte es sein.


Um kurz nach halb neun verließen wir die Hütte Richtung Klohaus - hier beginnt der kleine Steig zur Schlucht, durch die der Aufstieg verläuft.


Im wahrsten Sinne des Wortes "über Stock und Stein" geht es zunächst grob höhenlinienparallel dahin. Mehrmals müssen nicht gerade triviale Kletterstellen (II) überwunden werden.



Ein kleiner Steinmann markiert schließlich den Einstieg in die Schlucht.


Allerspätestens hier sollte unbedingt ein Helm aufgesetzt werden! Denn man begibt sich von nun an ins absolute Gemsengelände, und in der Schlucht liegt genug loses Gestein herum. Die Kraxelei gestaltet sich allerdings recht angenehm und nie schwerer als II.



Leider war mittlerweile wieder zäher Nebel aufgezogen, sodass wir uns ein wenig Sorgen um die Orientierung machten. Andererseits lautete die kurze wie simple Routenbeschreibung der Hüttenwirtin: "Immer die Rinne rauf bis zur Scharte" - es sollte also eigentlich keine Probleme geben. Was wir allerdings nicht wussten: Die Rinne teilt sich etwa ab der Hälfte in zwei gleich große Äste. Begehungsspuren? Fehlanzeige! Auch ein Blick in die Karte half nicht weiter. Wir entschieden uns schlussendlich für die linke, uns etwas leichter erscheinende Rinne. Und was soll ich sagen? Es war natürlich die falsche... Bis uns das endgültig klar wurde, waren wir allerdings schon recht weit aufgestiegen, also versuchten wir, im Schrofengelände wieder nach rechts zu queren - ständig verfolgt von dem Gedanken, an einem undurchdringlichen Latschendickicht oder einer nicht passierbaren Steilstufe scheitern zu können. Aber gut, das gehört ja irgendwie zum Abenteuerbergsteigen dazu. Ein Rückzug über den Aufstiegsweg wäre jedenfalls jederzeit möglich gewesen.

Eine Stunde lang stiegen wir so durch den Nebel, bis wir schließlich sicher waren: Da war wieder die rechte Rinne! Und weiter oben? Ein Steinmann!


Die mittlerweile fast verschwundene Motivation kehrte augenblicklich zurück; und wenige Minuten später erkannte ich sogar den Gipfelaufbau, von dem ich bereits Bilder im Internet gesehen hatte. Yes, der Rest würde sicher nur noch Formsache sein. Die Rucksäcke ließen wir liegen und kletterten in wunderschönem IIer-Gelände zum Gipfel der Viererspitze, wo tatsächlich für einen kurzen Moment ein Teil der Umgebung zu sehen war.


So konnten wir dann auch den Weg Richtung Dammkar erkennen, den wir als Abstiegsweg eingeplant hatten. Die Hüttenwirtin hatte noch davon gesprochen, dass der Weg bei Nebel nicht leicht zu finden sei, doch es war schnell klar, dass der Pfad mittlerweile so stark ausgetreten ist, dass die Orientierung hier kein Problem sein würde.


Wir genossen also unseren einsamen Gipfelerfolg, bis wir um halb eins wieder den Abstieg antraten. Die Orientierung beim Gipfelaufstieg wird übrigens durch den großzügig verteilten Speck sowie Haken in verschiedenen Qualitätsstufen erleichtert. An schönen Tagen muss hier die Hölle los sein...


Zufrieden, die Kletterei und den Gipfel ganz für uns allein gehabt zu haben, schulterten wir wieder unsere Rucksäcke und folgten dem Pfad zum Dammkar.





Die quasi am Wegesrand liegende Kreuzwand (Bild unten) ließen wir aus, da wir auf das nasse Schrofen-Gras-Gemisch keine Lust hatten und uns bereits auf eine kleine Stärkung an der Dammkarhütte freuten.


Zunächst geht es ziemlich steil bergab, später kann man immer wieder das Geröll für eine schnelle Abfahrt nutzen.



Um 14 Uhr erreichten wir die Hütte; der weitere Abstieg ist dann nur noch ein langer Hatsch. Doch das macht nichts, wenn man weiß, dass man aus den Gegebenheiten (abgebrochene Hochtour wegen Wintereinbruch und im Grunde zu bescheidenes Wetter zum ernsthaften Bergsteigen) das Bestmögliche herausgeholt hat. Denn dass wir es tatsächlich noch auf die Viererspitze schaffen würden, hätten wir uns an beiden Hüttenabenden nicht vorstellen können. Und auch beim Aufstieg durch die Vordere Kreuzklamm war immer ein leiser Zweifel dabei. Fazit: Man freut sich noch viel mehr über einen Gipfel, wenn man beim Aufbruch nicht sicher war, ihn erreichen zu können.
  • Tourdatum: Samstag, 26.09.2015
  • Zeitbedarf: Laut Wirtin maximal 2 Stunden von der Mittenwalder Hütte zum Gipfel - das kommt sicher gut hin, wenn man sich nicht versteigt / Gipfel Viererspitze - Dammkarhütte 1,5 Stunden / Abstieg Dammkarhütte nach Mittenwald 1-1,5 Stunden
  • Höhenmeter: 540m im Aufstieg, 1140m im Abstieg

Kommentare:

  1. Krass, da bin ich ja direkt froh, dass ich das nur lesen darf ;)

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    1. Ach, war halb so wild :) Am schlimmsten war die immer weiter schwindende Motivation beim Herumgestapfe im Nebel. Allerdings ist der Aufstieg durch die Schlucht wegen Steinschlag objektiv nicht ungefährlich - wir hatten Glück, dass wir überhaupt nichts abbekommen haben.

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  2. Abbekommen hab ich auch nichts. Aber ob das wirklich die vordere Kreuzklamm war, die ich da raufgeklettert bin, weiß ich bis heute nicht��. Bin
    in in einer Kehre schon vor der Hütte auf einem grenzwertigen Pfad gequert.

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    1. Hallo Camilla, das wird vermutlich die Vordere Kreuzklamm gewesen sein. Wenn man nicht erst an der Hütte startet, biegt man schon vorher auf den kleinen Pfad ab, der in einem Linksbogen zur Schlucht leitet.

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  3. https://broeselfreaks.wordpress.com/2016/09/19/viererspitze-durch-die-vordere-kreuzklamm/

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