Mittwoch, 16. Dezember 2015

Abenteuer Alpinklettern (Kofel/Linke Achsel, IV-, 3 SL)

Es hätte so entspannt sein können. Sonne pur, strahlend blauer Himmel und eine Route, die eigentlich in unserer Komfortzone hätte liegen sollen. Stattdessen habe ich selbst im Nachstieg allergrößte Probleme, die angebliche III+/IV- raufzukommen. Was ist hier nur falsch gelaufen?!


Die Idee war eigentlich ganz simpel. Der sonnige Sonntag sollte mit möglichst viel Felsberührung genutzt werden, während der Zustieg möglichst kurz sein sollte. Außerdem wollten wir etwas alpines, aber einfaches klettern - mehr Richtung Bergsteigen eben. Mit der "Linken Achsel" am Kofel schien das perfekte Ziel gefunden: drei Seillängen von jeweils zwanzig Metern, Schwierigkeit maximal IV-, alle Stände gebohrt.



Nachdem wir den etwas unangenehmen Zustieg auf teils losem Untergrund hinter uns gebracht hatten, erreichten wir den Einstieg in die Route, welcher sogar mit einem kleinen Namensschild versehen ist.


Wir entschieden uns, mit Bergschuhen zu klettern, da wir das Ganze auch als Übung für größere Touren sahen. Etwas botanisch ging es erst nach links und dann noch ein paar Meter senkrecht nach oben. Hier machte ich einen Zwischenstand (was mir aber nicht klar war), denn der Seilverlauf war bereits mehr als ungünstig. Auch der nächste Stand ließ nicht lange auf sich warten.



Nachdem wir in Wechselführung unterwegs waren, war nun wieder ich mit dem Vorstieg an der Reihe. Links konnte ich bereits den nächsten Zwischenhaken (mit Schraubglied) erkennen, also kletterte ich munter drauf los. Ziemlich ausgesetzt ging es erst über eine glatte Minirampe empor, dann stand eine extrem exponierte Querung an. Tritte waren vorhanden, doch die auf der rechten Seite begrenzende Wand drängte mich ab und bot kaum Griffmöglichkeiten. Der nicht gerade leichte Rucksack tat dann sein Übriges, dass ich nach wenigen Minuten meinen Versuch abbrach und zum Stand zurückkletterte. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht daran, dass wir uns in der falschen Route befinden könnten, sondern schob meine Zaghaftigkeit auf die dicken Schuhe und eine nicht optimale Tagesform. Nachdem auch der Führende der nachfolgenden Seilschaft bestätigte, dass es zwar rechts herum auch ginge, doch dass dies schwieriger sei, versuchte Uli sein Glück. Obwohl er ziemlich kämpfen musste, schaffte er die Stelle auf Anhieb und kletterte zum Stand beim Wandbuch. Nun war also wieder ich an der Reihe - aber ja nur im Nachstieg, da würde es schon gehen, dachte ich mir. Also wieder zu der Stelle, an der ich mich im Vorstieg nicht weiter getraut hatte und... Augen zu und durch; einfach die Zähne zusammenbeißen und weiterklettern.

Einen kurzen Schreckmoment und mindestens einen Meter Seildehnung tiefer hing ich plötzlich im Seil - quasi direkt über der extrem steilen oberen Südwand. Puh, das kannte ich bisher nur vom Sportklettern. Also erstmal wieder sammeln und nochmal versuchen. Ich entfernte die Schlinge an der Latsche, die mich gerade noch vor einem Pendler bewahrt hatte, und nahm nochmals meine Kräfte zusammen. Doch auch diesmal wollte es mir nicht gelingen, den steilen Aufschwung zu überwinden. Diesmal ließ ich mit voller Absicht los und fing den Pendler zwei Meter weiter links an einer nahezu senkrechten, erdigen Rinne ab. Hier war das Gelände zwar eher botanisch, doch insgesamt leichter, sodass auch ich endlich den (eigentlichen) zweiten Stand beim Wandbuch erreichte.


Völlig demotiviert machte ich mich an die nächste Länge. Laut des "Experten", der uns den linken Weg empfohlen hatte, sollte es nur noch einfache Schrofenkraxelei sein, doch da ich nun auf Nummer sicher gehen wollte, legte ich brav Zwischensicherungen und richtete auch einen weiteren Stand ein. Dass dies mit IV- die eigentlich schwerste Länge der Route war, wurde uns erst nachher bewusst. (Und im Nachhinein bin ich schon ein wenig stolz, in dieser Stimmungslage da so einfach durchgekommen zu sein.)

Wenige Minuten später saßen wir bereits am Gipfel und ließen uns von der Sonne verwöhnen. So entspannend, vor allem nach einem solchen Abenteuer!


Allerdings muss ich zugeben, dass ich einen kurzen Moment gebraucht habe, die Gipfelrast zu genießen. Denn eigentlich hätte ich uns mittlerweile als einigermaßen erfahren angesehen. Wenn einem aber vor Augen geführt wird, dass man noch immer grobe Fehler machen kann, die einen so in Bedrängnis bringen, wirft einen das kurzzeitig aus der Bahn und man braucht ein Weilchen, um wieder mit sich ins Reine zu kommen.


Epilog: Im Nachhinein ist uns wie gesagt klar geworden, dass wir doch die rechte Variante hätten nehmen müssen. Danke an dieser Stelle auch an Daniel, der die Tour eine Woche später geklettert ist und mir bei der "Aufklärung" geholfen hat.

Und was lerne ich daraus?
  • Schaue dir das Topo vorher noch genauer an und mache dir eine Kopie, die der Vorsteiger in der Hosentasche mit dabei hat.
  • Erkenne den Unterschied von 10m- und 20m-Seillängen.
  • Höre nicht auf irgendwelche Experten, die sich angeblich auskennen.
  • Höre vielmehr auf dein Gefühl, das dir sagt, wenn etwas nicht stimmt, und überlege nochmal genau, ob das noch die Schwierigkeit sein kann, die du klettern wolltest.
Zuletzt bleibt noch die Frage, welche Schwierigkeit wir unfreiwillig gemeistert haben. Ich bin mir da sehr unsicher, vermute aber, dass die Stelle im oberen fünften Grad lag. Im Nachhinein eine extrem einschüchternde, aber irgendwie auch aufbauende Vorstellung...

Nachtrag 02.01.2017: Auf bergsteigen.com gibt es jetzt eine Beschreibung der Route inkl. Topo. Der mögliche Verhauer ist sogar vermerkt.

Kommentare:

  1. Servus Rebecca, das klingt ja recht abenteuerlich.
    Muss ich mir mal ansehn was an der Route ausser der Ausgesetztheit so wild dran sein soll;-)
    Hab Dir mal ein Übersichtsfoto vom oberen Teil hochgeladen auf dem glaub
    nach dem Wandbuch Eure Route drauf erkennen müsstest.
    http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=9f1a4e-1450345750.jpg
    Gruss aus GAP
    ReinerD

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    1. Servus Reiner,

      an der Route ist nichts Wildes dran, vorausgesetzt man findet den richtigen Weg ;) Das Bild ist meiner Meinung nach von zu weit westlich aufgenommen. Die Route verläuft hinter der Kante, die man auf dem Bild sieht. Schau es dir gerne mal an und versuch die Stelle nach dem zweiten (ohne Zwischenstand) bzw. dritten Stand - mich würde eine zweite Meinung bzgl. der Schwierigkeit sehr interessieren :)

      Gruß

      Rebecca

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  2. Ha, das ist uns auch schon öfter mal passiert. Allerdings waren wir dabei auch oft sogar in der richtigen Route. Alpine Stürze sind irgendwie unsexy. Da rechnet man gar nicht so damit. Vor allem im leichten Gelände. Voll fies und demoralisierend. Aber ihr seid nicht allein! ;)
    Unseren größten Verhauer hatten wir in der Dachstein Südwand. Das war ein Tagerl, ja geleck. Seitdem bin ich sowieso komplett kletter-unmotiviert, ich hoffe mal ,das kommt irgendwann wieer.
    Das Gute ist: theoretisch kann man ja bei 3 SL immer noch nach unten fliehen. Aber super, dass ihr es doch noch geschafft habt. Und wann sehts euch dann die richtige Routen an? ;)
    Lg
    Dani

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    1. Da bin ich aber froh, dass wir nicht alleine sind! Den Artikel von der Dachstein Südwand hab ich sogar gelesen. Ist natürlich ein ganz anderes Kaliber. Die Kletterlust kommt bestimmt wieder - jetzt darf aber erstmal die Skitourensaison so richtig losgehen :)

      Die richtige Route schauen wir uns vielleicht im Frühling, wenn es an den höheren Zielen noch Schnee hat.

      Liebe Grüße

      Rebecca

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  3. Hi Rebecca,
    War vor ein paar Wochen auch in der Linken Achsel unterwegs und bin ebenfalls in der 1. SL nach links statt nach rechts geklettert. Mein Kollege hat es mir dann am 1. Stand gesagt dass es falsch war (und wie "gestörrt" ich bin da durch zu gehen). Hätte er mal früher machen sollen:D
    Nach etwas suchen habe ich dann aber doch einen Weg gefunden, den ich als Angenehm und leicht empfand

    LG Simon

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    1. Hallo Simon,

      danke für deinen Kommentar. Ich glaube allerdings, dass wir an unterschiedlichen Stellen falsch "abgebogen" sind. Mein Fehler ist ja erst nach dem ersten offiziellen Stand (unserem zweiten Stand). In der ersten Seillänge kann man den Busch/die Latsche (?) entweder oben oder links umklettern. Vermutlich meinst du diese Stelle? Ist prkatisch ganz am Anfang. Ich bin link rum und fand auch das ein bißchen wackelig. Die Nummer oben am Schraubglied war eine ganz andere Hausnummer (mit viel Luft unter dem Hintern).

      Viele Grüße

      Rebecca

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    2. Auf bergsteigen.com gibt es jetzt ein Topo. Am Stand vor der zweiten Seillänge ist genau unser Fehler vermerkt: http://www.bergsteigen.com/klettern/bayern/ammergauer-alpen/linke-achsel-kofelturm-kofel

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