Freitag, 6. März 2015

Abbruch am Halserspitz-Nordgrat: Wenn das Abenteuer zum Verhängnis wird

Manchmal kommt eben doch alles anders als man denkt. Wir stehen an den untersten Ausläufern des Halserspitz-Nordgrats und beraten das weitere Vorgehen. Die geplante Querung der Nordostflanke kommt bei diesen Bedingungen nicht in Frage: Zu viel Schnee, zu steiles Gelände, und damit zu große Lawinengefahr. Selbst der Weg bis dorthin wäre nur unter großem Risiko machbar, denn der viele Neuschnee macht den schmalen Grat unberechenbar: Wo gibt es eine solide Altschneeunterlage? Wo sind nur Latschen unter dem Pulver versteckt? Wo beginnt auf der anderen Seite die Wechte? Verliert einer von uns beim Queren vielleicht das Gleichgewicht und rutscht ab?

Der Blick in die Flanke verheißt nichts Gutes...

Unser Umkehrpunkt

Wir starten noch einen letzten Versuch, einen Abstieg in den Lahngarten zu finden, um doch noch die Gufferthütte zu erreichen. Aufgrund des steilen Geländes und der vermuteten Einwehungen geben wir allerdings schnell auf und treten nach geschlagenen sechs Stunden Aufstiegszeit den Rückzug an...

***********************

Schon länger war eine Tour mit Winterraumübernachtung geplant. Vergangenen Samstag sollte es dann endlich soweit sein. Ausgestattet mit zwei Flaschen Wein, fast 1kg Käse, mehreren Baguettes und was man sonst noch so für eine Übernachtung auf einer nicht bewirtschafteten Hütte benötigt, starteten wir (zwei Skitourengeher und zwei Schneeschuhwanderer) um kurz vor zehn Uhr von Wildbad Kreuth (793m) Richtung Süden.


Bis zur Hohlensteinalm (1003m) ging es gemütlich und ohne viel Steigung, wobei wir hier eher mit zu wenig Schnee zu kämpfen hatten.



An der Alm machten wir eine Brotzeitpause; es war bereits 11:30 Uhr. Doch frisch gestärkt läuft es sich einfach besser, zusätzlich sollte es nun spannender werden. Wir überquerten eine Brücke und folgten noch für ein paar Minuten dem breiten Weg neben dem Bachlauf - allerdings auch schon nicht ganz ohne Hindernisse.


Ein gut sichtbares Schild ("Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich") zeigte uns schließlich an, dass wir nach rechts abbiegen mussten.


Zunächst konnten wir noch gut den Markierungen durch den Wald folgen, doch waren diese im weiteren Verlauf immer schwerer zu entdecken. Anhand der detaillierten DAV-Karte fanden wir uns aber auch so ganz gut zurecht, wobei das ständige Nachschauen natürlich Zeit kostete. Etwas problematisch wurde das steiler werdende Gelände, das vor allem den Schneeschuhgehern bei Querungen das Leben schwer machte. An den kritischen Stellen hielten wir aufgrund des vielen Neuschnees Entlastungsabstände ein.




Irgendwann flachte das Gelände wieder ab und wir trafen sogar auf eine wenige Tage alte Skispur. Dieser folgten wir (mit zusätzlichem Blick auf Markierungen und Karte) bis zur Wenigberghütte (1298m). Obwohl besonders ich den Zeitdruck spürte, ließen wir uns nochmals für eine kleine Stärkungspause nieder. Es war schon nach halb drei und bei mir kamen langsam Zweifel auf, ob wir die Gufferthütte noch erreichen würden. Die anderen machten sich dagegen noch keine Sorgen, was mich wieder ein wenig aufbaute. Weiter ging es also durch teilweise steilen, aber lichten Bergwald. Da wir befürchteten, dass uns die Spur in eine falsche Richtung leiten würde, suchten wir uns wieder unseren eigenen Weg, was nicht so einfach war. Bei mir wurden zusätzlich langsam die Kräfte knapp, obwohl ich so gut wie nicht gespurt hatte.


Dann, plötzlich, als hätte es jemand perfekt getimet: Sonne! Und der erste Anblick der Halserspitze! Gerade im richtigen Moment gab uns dies einen enormen Motivationsschub - wahrscheinlich würden wir es doch noch bis zur Hütte schaffen!



Leider hielt dieses Gefühlshoch nicht allzu lange an. Als wir um kurz nach 15 Uhr den Grat erreichten, zog es von Westen schon wieder zu.


Ankunft am Grat - ein ungutes Gefühl kommt auf. Bis zur Biegung am oberen rechten Bildrand spuren wir noch, dann ist Sense.

Auch konnten wir zum ersten Mal einen ausgiebigen Blick in die zu querende Flanke werfen. Trotz unserer Bedenken gingen wir noch ein Stückchen weiter, um uns das Ganze vielleicht aus der Nähe ansehen zu können.



Meine Idee wäre gewesen, möglichst weit unten zu queren, um dem Steilbereich nicht zu nahe zu kommen. Doch nachdem der Grat immer schmaler und seine Flanken immer steiler wurden, siegte schlussendlich die Vernunft - es hatte nicht sollen sein, die Verhältnisse waren gegen uns. Um 15:45 Uhr entschieden wir uns endgültig für eine Umkehr.

*********************** 

Wenigstens gab es im Wald noch eine durchaus nette Pulverabfahrt...



... und als wir um zwanzig nach sechs die ersten Häuser erreichten, war klar, dass wir den letzten Bus von Wildbad Kreuth nach Tegernsee um 18:47 Uhr bekommen würden.


***********************

Epilog:

Wie konnte es zu eingangs beschriebener Situation kommen? Erstens: Wir sind von anderen Bedingungen ausgegangen. Die Lawinenlage hatte sich in den vergangenen Tagen entspannt, höchstens 10cm Neuschnee waren angesagt. Ich war also von einer soliden und festen Altschneedecke ausgegangen, bei der man zur Not auch zu Fuß weitergekommen wäre. Die Harscheisen hatte ich mit der festen Überzeugung in den Rucksack gepackt, sie brauchen zu werden. Dass es stattdessen fast 30cm Neuschnee gegeben hatte, damit hatte ich nicht gerechnet. Auch der Anstieg der Lawinenwarnstufe von 1 auf 3 innerhalb eines Tages kam für mich absolut überraschend. Zweitens: Wir haben nicht angemessen auf die unerwarteten Schneemengen reagiert. Uns hätte bei der Ankunft in Wildbad Kreuth klar sein müssen, dass die geplante Route über die Hohlensteinalm nicht möglich bzw. im oberen Teil gefährlich sein würde. Da jederzeit eine Rückkehr (notfalls mit Stirnlampen) in unseren Spuren möglich war, habe ich als "ewig Vorsichtige" aber meine Klappe gehalten und mich der Abenteuerlust der Anderen untergeordnet (und natürlich gehofft, dass es trotzdem geht). Drittens: Wir haben uns auch mit der Zeit total verschätzt. Ein Weg, für den selbst im Sommer mehr als fünf Stunden veranschlagt werden, der nicht gespurt ist und in vielen Teilen durch Wald führt (Orientierung!), ist im Winter nicht ansatzweise in dieser Zeit machbar.

Kommentare:

  1. Das sieht aber gefährlich aus! Aber immerhin ihr habt den letzten Bus bekommen. Schade um die Hütte!

    AntwortenLöschen
  2. Jetzt verstehe ich die abendliche sms, "wegen zuviel Schnee und Zeitmangel abgebrochen". Naja, man lernt eben auch nie aus.

    AntwortenLöschen
  3. "Abenteuer Berge - Von der Leidenschaft überlebenswichtiges Proviant, selbst unter erschwerten Bedingungen, der gemeinen Bande von Winterraum-Baquettes-Piraten zukommen zu lassen."

    Ein Versuch wars Wert und es gibt wirklich Schlimmeres als gesund,um ein paar Erkenntnissse
    reicher und vor allem mit noch vollen Provianttaschen wieder am Ausgangspunkt anzukommen ,-)

    Ansonsten:
    Kälte + etwas Neuschnee + Sturmböen in der Nacht (Windmesstationen) = meist LWS 3 ,
    bzw = aufpassen auf Triebschnee im Lee , in dem Fall spätestens
    bei der Querung in die Haslerspitz-NO-Flanke wo ungünstigerweise auch noch der Untergrund glatt und ohne Latschen ist.(Sat-Bild- Sommerweg).
    Weiteres NoGo bei uns: Im Winter geht keine(r) mit ohne Stöcke (oder Eispickel).

    -----------------------------
    Gruss aus GAP
    ReinerD

    AntwortenLöschen
  4. Danke für eure Kommentare! Ich denke, solange man was daraus lernt, hat so ein Erlebnis sogar etwas gutes. Und Spaß hatten wir allemal :)

    AntwortenLöschen
  5. Servus,
    das hört sich ja alles nicht so toll an. Aber Erfahrung macht ja bekanntlich klug. So habt ihr ja letztendlich alles richtig gemacht - bis auf die Tourenauswahl ! Meine Erfahrung dazu : besser immer eine Alternativroute im Hinterkopf zu haben, und ein so lange Tour mit Skitouren - und Schneeschuhgeher gemeinsam = das passt meistens nicht.
    Schön das Alles gut ausgegangen ist.
    Gruß Daniel

    AntwortenLöschen
  6. Servus Daniel,

    danke für deinen Kommentar. Ich denke nicht, dass die Kombination aus Skitouren- und Schneeschuhgehern ein Problem war, auch wenn man sich mit Schneeschuhen natürlich bei steilen Querungen schwerer tut.

    Aus Fehlern lernt man, und unser Erfahrungsschatz ist ja nur gewachsen. Nächstes Mal können wir so eine Tour sicher besser einschätzen und dann auch zuende führen :)

    Gruß

    Rebecca

    AntwortenLöschen