Dienstag, 4. September 2018

Über den Nordwestgrat auf den Hochgall (3436m)

Er ist das Schaustück des Reintals, Gruppenhöchster und zieht von Rein in Taufers mit Sicherheit alle Blicke auf sich: Der Hochgall, der "hohe glänzende Berg". Von keiner Seite wirklich leicht zu besteigen, für den geübten Alpinisten bei guten Bedingungen jedoch eine wahre Traumtour: Über den formschönen Nordwestgrat geht es in leichter Kletterei (bis II+) dem deutlich über der 3000er-Marke liegenden Gipfel entgegen.


Bevor wir uns in unserem Urlaubsdomizil in Rein in Taufers niederließen, erkundeten wir die umliegenden Berge der Rieserfernergruppe mit einer kleinen Hüttentour. Am 22.08.2018 parkten wir unser Auto am Langlaufzentrum und machten uns auf den Weg zur Kasseler Hütte (2274m).


Hier bezogen wir unser schönes Zweitbettzimmer (ja, ein bisschen Komfort muss sein ;-) ) und genossen den Hüttenabend mit gutem Essen und ein zwei Bierchen. Nachdem wir erfahren hatten, dass das Frühstück an diesem Tag um halb sechs statt um sechs kredenzt wurde, handelten wir das Hüttenteam für unseren Gipfeltag noch auf viertel vor sechs herunter, denn für den Nachmittag waren wieder einmal Gewitter angesagt und wir hatten eine lange Tour vor uns.


Pünktlich zur Dämmerung verließen wir die Hütte. Wir waren die einzigen, die sich auf den Weg zum Hochgall machten. Zunächst folgten wir dem Arthur-Hardegen-Höhenweg Richtung Lenkstein. Nach einer Bachquerung weist ein eindeutiger Hinweis auf die zu nehmende Abzweigung hin.


Ab hier ist der Anstieg lediglich noch mit Steinmännern markiert. Der Weg ist jedoch fast immer gut zu finden und weist im unteren Teil meist auch Steigspuren auf. Diesen folgend erreichten wir gegen viertel vor acht den kleinen Gletschersee am Fuße des Grauen Nöckls, einer markanten Erhebung am Nordwestgrat des Hochgalls.


Hier wurden wir von einem Südtiroler überholt, der im Tal gestartet war und trotzdem weit vor uns am Gipfel ankommen sollte. Wir ließen uns jedoch nicht aus der Ruhe bringen und versuchten im nachfolgenden steilen Anstieg den besten Weg durch die Schutthalde zu finden.


Während die Aussicht immer besser wurde, erreichten wir gut 2,5 Stunden nach unserem Start an der Hütte das Graue Nöckl (3084m).


Der wunderschöne, aber auch beeindruckend steile Nordwestgrat mit immerhin weiteren knapp 400 Höhenmetern lag nun vor uns.


Nach einem kleinen zweiten Frühstück machten wir uns an den Weiterweg: Zunächst nach ein paar durchaus ausgesetzten Stellen II+ am Grauen Nöckl senkrecht hinunter (Seilsicherung) in eine Scharte.


Hier startet der eigentliche Nordwestgrat. Zu Beginn kann man noch in der orographisch linken Flanke aufsteigen. Diese wird jedoch recht bald äußerst bröselig, sodass man zur Gratschneide zurückkehren sollte. Dieser stets folgend geht es genussvoll, aber aufgrund der Höhenluft immer anstrengender bergauf.



Im oberen Teil warten schließlich noch einige Plattenpassagen auf, die jedoch mit einem Drahtseil versehen wurden. Dadurch verringert sich die Schwierigkeit natürlich deutlich - ohne diese künstliche Hilfe hätten wir hier vermutlich gesichert, denn in meinem Gefühl wäre es hier mit dem dritten Grad nicht mehr getan.


Hat man diese kraftigen Stellen (da hilft nur ans Seil hängen und die Füße gegen den Untergrund pressen) hinter sich gebracht fehlt "nur noch" eine recht ausgesetzte Querung, bevor man sich unter dem kleinen, aber schmucken Gipfelkreuz niederlassen kann.


Wir hatten ziemlich genau 4,5 Stunden gebraucht, d.h. es war 11 Uhr. Da die Bewölkung immer weiter zunahm, begnügten wir uns mit einer eher kurzen Gipfelpause: Ein paar Fotos, ein Müsliriegel und zur Feier der schönen Bergtour ein Schluck Nussschnaps.

Aussicht Richtung Zillertaler Alpen, in der linken Bildmitte Rein in Taufers

Zoom auf den Nordwestgrat; in Bildmitte das Graue Nöckl, ganz am oberen Bildrand die Kasseler Hütte

Der Blick in die Dolomiten wurde uns leider verwehrt; unten das Antholzer Tal

Westlicher Rieserferner mit dem zweithöchsten Gipfel der Gebirgsgruppe, dem Schneebigen Nock (3358m)

Nach knapp 30 Minuten traten wir den Rückweg an; dieser würde in seiner Gesamtheit noch lang genug dauern und wir wollten keinesfalls in ein Unwetter geraten. Nachdem ich übrigens im Vorfeld der Tour von Beschreibungen wie "exponierte, nahezu durchgehende Ier- und IIer-Kletterei" gelesen hatte und die Kletterei am Grauen Nöckl tatsächlich kurzzeitig recht difizil war, hatte ich beim Aufstieg für einen kurzen Moment leise Zweifel, ob wir es rechtzeitig schaffen würden. Doch da sich sehr schnell herausstellte, dass sich die Kraxelei am Nordwestgrat meist im für mein Gefühl wenig ausgesetzten Blockgelände bewegt, machte ich mir über einen einigermaßen zügigen Abstieg keine Gedanken mehr.





Ohne zu hetzen benötigten wir anderthalb Stunden zurück zum Grauen Nöckl. Hier genossen wir noch einmal den wunderschönen Tag und den einsamen Berg (neben dem Südtiroler waren lediglich zwei weitere Bergsteiger unterwegs), bevor wir uns an den weiteren Abstieg machten. Am Gletschersee legten wir eine weitere Pause ein, jetzt würde es ja flott zur Hütte gehen.



Hinter uns verdunkelte sich derweil der Himmel. Der erste Donner ließ nicht lange auf sich warten und kurz nachdem wir um 16 Uhr die Hütte erreichten, goss es wie aus Kübeln.


Gleichzeitig flog der Rettungshubschrauber, den wir bereits von weiter oben ausgemacht hatten und dessen Manöver wir zunächst für eine Übung hielten, noch einige Male zum Schneebigen Nock auf. Von den anderen Gästen auf der Hütte erfuhren wir recht bald, dass ein Deutscher, der mit zwei anderen von der Rieserfernerhütte herüber kommen wollte, dort abgestürzt war. Das stetige Rotorengeräusch begleiteten somit noch einige Zeit schwermütige Gedanken und gleichzeitig die Hoffnung, dass uns über das Hüttenteam die erleichternde Nachricht erreichen würde. Leider blieb diese aus, der Hubschrauber musste aufgrund des Unwetters die Suche abbrechen. Früh am nächsten Tag, als wir uns für den Übergang zur Rieserfernerhütte, also genau dem Unfallweg aufmachen wollten, ertönten erneut die Rotoren. Später erfuhren wir, dass der Mann nur noch tot geborgen werden konnte...

So können Freud und Leid am Berg sehr nah beieinander liegen. Mich hat der Unfall an diesem Abend schon irgendwie mitgenommen. Weil er genau an dem Ort passiert war, den wir am nächsten Tag passieren sollten oder weil unsere Tour so wunderbar funktioniert hatte und wir sie so sehr genossen hatten - ich weiß es nicht, vermutlich aus beiden Gründen. Es ist immer schlimm, einen solchen Unfall quasi hautnah zu erleben. Den Einsatzkräften spreche ich meinen höchsten Respekt aus und den Freunden und der Familie des Verunfallten wünsche ich ganz viel Kraft!

  • Tourdatum: Donnerstag, 23.08.2018
  • Zeitbedarf: Kasseler Hütte - Graues Nöckl 2,5 Stunden, von dort bis zum Gipfel 2 Stunden. Abstieg insgesamt 3-3,5 Stunden
  • Höhenmeter: knapp 1200

Kommentare:

  1. Hallo Rebecca,

    hat ja super geklappt! Sehr schöne Tour auf den Hochgall
    Morgenkofel/Wasserkopf auch noch gemacht?
    Beim Blick in die Nordwand kommen Erinnerungen hoch: http://www.bergportal.com/hochgall-3436m-im-doppelpack

    LG
    Florian


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    1. Hi Florian,

      danke, es war ein Traum :-) Tolle Bilder in deinem Bericht! Solche Touren möchte ich auch mal machen, aber es muss nicht gleich 55° sein... Oder zwei Nordwände an einem Tag...

      Für unser Vorhaben an Morgenkofel/Wasserkopf kam uns leider der Wintereinbruch vor zwei Wochen dazwischen. Wir sind deswegen einen Tag früher von der Rieserfernerhütte abgestiegen. Die beiden Gipfel müssen also bis zum nächsten Besuch im Tauferer Ahrntal warten - den es sicher geben wird, denn die Gegend ist wirklich schön!

      Liebe Grüße

      Rebecca

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  2. Glückwunsch zu diesem tollen Berg! Die Rieserferner-Gruppe ist wirklich sehr schön, bislang war ich allerdings nur mal im Winter dort. Dass die Wahrnehmung zu Ausgesetztheit und Schwierigkeit von Gratbegehungen und IIer-Gelände sehr unterschiedlich ist, ist mir auch schon aufgefallen 8siehe auch Villerspitze...). Das nebenan ein tödlicher Unfall passiert ist, ist natürlich weniger schön. Leider unvermeidlich bei so vielen Bergsteigern, aber doch in jedem Einzelfall tragisch.

    Schöne Grüße
    Hannes

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    1. Danke dir, Hannes! Im Winter kann ich mir einen Besuch der Rieserfernergruppe auch gut vorstellen - da müssen ein paar echte Skitourenschmankerl dabei sein. Der Hochgall würde dir auch total gut taugen, da bin ich mir sicher. Und sicher auch nicht zu schwer, da war die Einzelstelle an der Villerspitze schwieriger (aber natürlich nicht ausgesetzt). Das "Problem" am Hochgall ist eher die Länge und dass die Schlüsselstelle am Grauen Nöckl dann doch ein wenig ausgesetzt ist. Der Grat dann wie beschrieben eher nicht mehr. Aber für dich mit Sicherheit auch im Wohlfühlbereich :-)

      Liebe Grüße

      Rebecca

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  3. wunderschöne gipfeltour und tolle bilder! ich hab die besteigung des hochgall noch gut in erinnerung. ich hab ihn genauso genossen wie du. genieß den herbst!
    viele grüße aus dem süden

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    1. Hi Magdalena,

      freut mich, wenn dir meine Bilder gefallen und schöne Erinnerungen wecken! Dir ebenfalls einen wunderbaren Herbst im traumhaften Südtirol :-)

      Rebecca

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