Mittwoch, 5. August 2015

Neuner (2582m) - Über Bruch und Fels auf einen wilden Gipfel der Sextener Sonnenuhr

"III- (Stelle) und II (eIII+). Steile, gutgegliederte Wand. 150 mH. 1 Std." Die Beschreibung aus dem AV Führer suggeriert eine anspruchsvolle, aber genussreiche Kletterei, die für Geübte auch ungesichert machbar ist. Sie ist es NICHT. Zwar war ich ohne Seil am Gipfel, und die Tatsache, dass ich dies hier schreibe, zeigt ja, dass ich heil wieder heruntergekommen bin. Ich würde die Tour allerdings nicht nochmal gehen. Ganz vielleicht nochmal mit Seil. Grund dafür ist das übelst brüchige Gestein und der aufgrund dessen haufenweise herumliegende Bruch, der das Klettern zu einer äußerst delikaten Sache macht.


Aber von Beginn an. Aufgrund der angesagten Gewitter starteten wir früh (5:30 Uhr) am Kreuzbergpass. Zunächst stand uns von hier der Zustieg zum Arzalpensattel bevor. Für die 655 Höhenmeter kalkulierte ich 2 Stunden ein, was wir gut einhielten. Vor allem aufgrund des extrem steilen Pfads ab der Abzweigung, die wir schon bei der Tour zum Burgstall passierten, zog sich das Ganze etwas hin.



Oben angekommen genossen wir erst einmal die Morgenstimmung und ein ausgedehntes zweites Frühstück.


Anders als ich angenommen hatte konnten wir nun weiter einer Pfadspur folgen, die uns bis unterhalb der südöstlich ausgerichteten Schuttrinne leitete.


Hier beginnt der weglose und mühsame Teil der Besteigung. Während der untere Teil aus einem sandigen Schutt-Gras-Mix besteht, kraxelt man weiter oben über mehr oder weniger große Blocke, die im losem Geröll herumliegen.



Der ersten großen Schlucht, die (im Aufstiegssinn) nach rechts führt, folgt man bis kurz vor die Neunerscharte (markante, schmale Einschartung mit Blick nach Norden). Hier wird das Gelände schon anspruchsvoller: Leichte Kletterei mit Brösel- bzw. Schuttauflage - nicht gerade angenehm, aber eben auch nicht richtig schwierig.

Die besagte Schlucht



Kurz vor der Scharte; rechts geht es hinauf

Neunerscharte

Hat man sich bis zur Scharte hochgearbeitet, wird es richtig interessant. Die klettertechnische Schlüsselstelle (III-), ein Kamin, kommt ziemlich am Anfang.


Hier wurde ein Haken versenkt, es könnte also auch gesichert werden. Wir hatten kein Seil dabei, trotzdem war ich sehr froh über die auch weiter oben eingerichteten Standplätze, da sie mir die Orientierung wesentlich erleichterten. Denn das Gelände ist unübersichtlich: Gestuft, aber steil.


Und wie oben erwähnt teils extrem brüchig. Wer hier nicht ganz schnell einen Abflug machen möchte, sollte sich genau überlegen wo er hintritt. Vorsichtig tastete ich mich so nach oben und gelangte wie in der Beschreibung des AV Führers zum Nordgrat, wo sich das Gelände zurücklehnt.


Einige Minuten später stand ich am Gipfel. Es war 9:16 Uhr und die Sonne lachte. Trotzdem kam in mir keine Euphorie auf, denn die Gedanken kreisten schon wieder um den Abstieg. Außerdem hatte sich mein Begleiter an der Schlüsselstelle dazu entschlossen, nicht weiter mit hinauf zu gehen, und wartete auf mich. Ich aß daher nur schnell etwas, schoss ein paar Fotos...

Gipfelsteinmann: Leider war kein Gipfelbuch vorhanden - ich hätte gerne gewusst, wie oft hier jemand herumspringt

Blick Richtung Sexten

Die Rotwand gibt sich schüchtern

... und machte mich dann wieder an den Abstieg.


Die ersten Meter auf dem Grat waren noch relativ einfach, doch sobald ich mich in der Wand befand, musste ich buchstäblich JEDEN Griff und JEDEN Tritt auf Festigkeit prüfen. Glücklichweise war es immer wieder möglich, auf kleinen Bändern gut zu stehen, sodass ich mich umdrehen und orientieren konnte. Ein frontales Absteigen kam für mich aufgrund des steilen Geländes nicht in Frage. Froh über die gelegentlich angebrachten Fixpunkte balancierte ich nach unten. Als ich den Schlüsselstellenkamin hinter mich gebracht hatte, atmete ich erst einmal tief durch: Ab jetzt kein Absturzgelände mehr!

Dafür unangenehmes Bröselgestein, das noch immer volle Aufmerksamkeit verlangt, denn auch ab der Scharte kann man sich noch böse wehtun.


Nachdem wir wieder zu zweit waren, war auch das Gröbste geschafft. Leider ließ sich der Schotter weiter unten nicht abfahren, und so folgten wir einem schwachen Pfad Richtung Rotwand - in der Hoffnung, einen angenehmeren Abstieg zu finden.


Diese Schönheit begegnete uns dabei unterhalb des Papernkofels

Schlussendlich landeten wir am sehr schönen Lago di Popera. Hier legten wir erst einmal eine wirklich wohlverdiente Brotzeitpause ein.


Wir entschieden uns nun, über das Rifugio Berti abzusteigen. Ein Fehler, denn wir übersahen auf der Karte einen satten Gegenanstieg.

Rückblick auf dem Weg zum Rifugio Berti

Die Bertihütte

Rückblick: Die Bertihütte liegt ziemlich genau in Bildmitte

Bärensee


Fazit: Das war wohl die bisher wildeste Sache in meiner Bergsteiger"karriere" - und sowas brauche ich so bald auch nicht wieder. In meinem Gefühl hat die Beschreibung im AV Führer mit der Realität der Besteigung nichts zu tun. Dass die Brüchigkeit nicht erwähnt wird, wundert mich sehr. Auch die Steilheit hat mich überrascht. Vielleicht ist aber auch das Dolomitenbergsteigen wirklich ganz anders...

  • Tourdatum: 22.07.2015
  • Zeitbedarf: Kreuzbergpass - Arzalpensattel 2 Stunden, Arzalpensattel - Neunerscharte 1 Stunde, Neunerscharte - Gipfel 25 Minuten; Gipfel - Scharte 40 Minuten, Scharte - Bertihütte 1,5-2 Stunden, Bertihütte - Kreuzbergpass 1,5-2 Stunden; gesamt: 7-8 Stunden
  • Höhenmeter: gut 1000 hoch wie runter

Kommentare:

  1. Puh, ich kann das gut nachfühlen. Eine sehr ehrliche Beschreibung! Ich wundere mich oft bei Berichten über schwere Touren, ob die Leute das Risiko wirklich nicht wahrnehmen, einfach so souverän sind oder sich als unerschrockene Profis darstellen möchten. Ich hatte meine Zeit, in der eine Tour ohne entsprechenden alpinen Anspruch für mich gar nicht erst in Frage kam. Aber die brenzligen Situationen häuften sich. Manche Bergsteiger, insbesondere der bekannte Südtiroler Prediger, berichten von Hochgefühlen nach überstandenen Gefahren. Mich deprimierte es immer eher und ich ärgerte mich darüber, mich überflüssigen Risiken ausgesetzt zu haben.

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    1. Danke für deine netten Worte! Ich finde es unsinnig und unverantwortlich, die Gefahr, die bei solchen Touren immer mit dabei ist, herunter zu spielen oder sich selbst größer und besser darzustellen, als man eigentlich ist. Natürlich fühlt es sich toll an, wenn man eine solche "Leistung" erbracht hat - von einem Hochgefühl kann ich aber ebenfalls nicht berichten. Bei mir herrscht nach sowas immer der Wunsch vor "Beim nächsten Mal wieder was gemütliches!"

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